Familien leben von fünf Euro
    Dortmunderin fliegt Ende Juni nach Indien, um in einem Waisenheim zu arbeiten
    Ruhr Nachrichten am 21.04.2005
Noch sitzt sie mitten im Abitur und gibt ihr Bestes. Am 30. Juni sitzt Gesine Miriam Marwedel im Flugzeug Richtung Neu Delhi. Kein Urlaub zur Belohnung fürs Abi, sondern Arbeit erwartet sie in Indien, 240 Kilometer nördlich der Hauptstadt, in West-Bengalen.

Als die junge Dortmunderin auf die Website der Gandhi Kinderhilfe geriet, fand sie sofort Gefallen an den vielen Projekten, die dort eindrucksvoll dargestellt sind. Sie nahm Kontakt auf. Helfen will sie, für drei bis vier Monate, helfen in einem Waisenheim, das eines von inzwischen acht Unterstützungsprojekten in Jemo ist, einer Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern.
Für Gesine Marwedel ist Indien kein unbekanntes Land. "Mit ihrem Vater, dem Dortmunder Informatik-Professor Dr. Peter Marwedel, war sie schon dort, lernte in Neu Delhi eine Familie kennen und nahm an einem kurzen Schulaustausch teil", berichtet Bidhan Roy. Er ist der Mann, der hinter den Hilfsprojekten steht, gemeinsam mit Jahar Mukherjee, dem Leiter der Organisation vor Ort. Roy berichtet für Gesine, die bekanntlich im Abi-Stress am Helene-Lange-Gymnasium in Hombruch steckt: "Sie sagte mir, nach ihrem Indien-Aufenthalt hätte sie ein schlechtes Gefühl, wenn sie hier fünf Euro ausgäbe. Von dem Geld leben in Indien ganze Familien im Monat."

Acht Säulen der Hilfe

Bidhan Roy stammt aus Jemo, kam 1963 nach Dortmund, studierte an der Ingenieurschule, lernte hier Heinz Bölling, der sein Verbindungsmann für die Organisation in Dortmund wurde, arbeitete als Betriebsleiter bei Thyssen und zog aus beruflichen Gründen 1988 nach Bad Camberg in Hessen. Schon sein Vater, ein Arzt, engagierte sich in der indischen Heimat, gründete Anfang der 60er Jahre in Kalkutta "Alakendu Bodh Niketan", eine Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Kinder und junge Erwachsene.
Der Sohn setzt fort, was sein Vater begann und entwickelte die Hilfsprojekte weiter. Inzwischen organisierten zwei Vereine von Deutschland aus die Hilfe: Gandhi Kinderhilfe Bad Camberg und Passau. Die weitgehend aus Spenden finanzierte Arbeit mit den Ärmsten ruht auf acht Säulen: Einem Heim für geistig und körperlich behinderte Kinder und Erwachsene, ein Brunnenbau-Projekt als Hilfe zur Selbsthilfe, Ausbildungszentrum für bedürftige Frauen, eine Schule, in der 250 Kinder lernen, das Gesundheitszentrum, in dem täglich bis zu 90 Patienten unentgeltlich medizinisch versorgt werden, ferner ein Unterstützungs-Projekt für alte Frauen, die weder Geld vom Staat noch von ihren Familien erhalten, weitere Angebote zur Selbsthilfe, wie Fahrrad-Rikschas für die finanzielle Unabhängigkeit von Familien, Nähmaschinen und Milchkühe, die zur Selbstversorgung von Familien angeschafft werden.

Mit einem Schweizer

Und natürlich das Waisenhaus, in dem abwechselnd junge Menschen aus Europa arbeiten und dabei auch wichtige Erfahrungen für ihr Leben sammeln. So wie Gesine Miriam Marwedel. Sie fliegt gemeinsam mit einem Jungen aus der Schweiz nach Indien. - Ulrike Böhm-Heffels

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